Carsten Germann - Freier Sportjournalist

Danke für Nichts – England beim Elfmeterschießen


aus: "Football`s Home - Geschichten vom englischen Fußball."

Tony Blair war optimistisch. Als der britische Premierminister kurz vor Beginn der Weltmeisterschaft 2006 nach seinem Favoritentipp gefragt wurde, war der bekennende Fan von Newcastle United vor dem Turnier in Deutschland fest vom zweiten Titelgewinn Englands nach 1966 überzeugt: "Im Finale", ließ er Sportreporter wissen, "gewinnen wir mit 2:1 gegen Brasilien." Sorgen, so Blair weiter, bereite ihm nur die Aussicht auf ein eventuelles Elfmeterschießen: "Dies ist wahrlich keine Spezialität englischer Fußballgötter."

Angst auf den Punkt gebracht

Die Angst des Engländers vorm Elfmeter - sie liegt spätestens seit 1990 bleiern über Albion. War England 1986 in Mexiko im Viertelfinale noch das Opfer der "Hand Gottes" des Diego Maradona geworden, so ist das Halbfinale 1990 das erste Elfmeter-Drama in einer langen Reihe. England und die Elfer - The same procedure as every year.

Ebenfalls fest verwurzelt in der englischen Denke ist der Wunsch nach einem Motivationsschub für das ganze Land durch den Fußball. Wie vor der Weltmeisterschaft 1990 in Italien. Die "eiserne Lady" Margaret Thatcher, die 1979 als erste Frau britischer Premier wurde, steht massiv unter Druck. Ihr hartes Vorgehen gegen innerparteiliche Kritiker hat Thatcher in der konservativen Partei eine nicht gerade kleine Zahl von Feinden eingebracht, die Inflation ist hoch. Mit den landesweiten Protesten gegen das neue, Ende der Achtzigerjahre eingeführte Kommunalsteuersystems (Poll Tax) zeichnet sich das Ende der Ära Thatcher ab. Am 22. November 1990 wird "Maggie" zurücktreten. Bei der Weltmeisterschaft 1990 läuft es zunächst nicht gut für die Engländer.

Robson wirft die Presse raus

Nur ein kümmerlicher Sieg in der Vorrunde gegen Ägypten (1:0) und gegen Belgien im Achtelfinale rettet David Platt mit seinem Tor in der 120. Minute England noch einmal vor dem Elfmeterschießen. Ein hartes Stück Arbeit wird auch das Viertelfinale gegen Kamerun: 3:2 in der Verlängerung durch zwei Elfmetertore von Gary Lineker. Trainer Bobby Robson muss sich in dieser Phase jede Menge Kritik gefallen lassen und lässt schließlich das Mannschaftsquartier für alle Journalisten sperren. Weltmeister Bobby Charlton ist dennoch sicher: "Wartet ab, wir werden uns noch steigern." Das gelingt ausgerechnet gegen die Lieblingsfeinde aus Deutschland, auf die die Engländer am 4. Juli 1990 im Halbfinale im Stadio delle Alpi in Turin treffen. Die Boulevardpresse läuft vor dem Spiel zur Höchstform auf: "Wir haben sie 1945 geschlagen, wir haben sie 1966 geschlagen und nun die Schlacht von 1990", titelt die Sun. Auch Stürmerstar Gary Lineker, der bis dahin in 55 Länderspielen 35 Tore erzielt hat, zieht mit: "Gute Nacht, Mister Kohler", lässt er seinem deutschen Gegenspieler Jürgen Kohler über die Medien ausrichten, "ich bin zu schnell für Sie."

Die Deutschen, die in Erba ein feudales Quartier gefunden haben, lassen sich von diesen Schlagzeilen kaum beeindrucken. "Auch ihn kann man stoppen", sagt der Pfälzer Jürgen Kohler und nippt auf der Hotelterrasse genüsslich an seinem Orangensaft. Die "Schlacht von Turin" sehen 30.000 Deutsche und 20.000 Engländer. Sie geht nach Toren von Andreas Brehme und Gary Lineker beim Stand von 1:1 nach 120 Minuten ins Elfmeterschießen. Hier treffen zunächst Gary Lineker, Peter Beardsley und David Platt für England. Andreas Brehme, Lothar Matthäus und Karlheinz Riedle verwandeln für Deutschland. Dann läuft Stuart Pearce, der wegen seiner Nervenstärke den Spitznamen "Psycho" trägt, langsam auf den erst 23 Jahre alten deutschen Keeper Bodo Illgner zu. "Ich spürte, dass Pearce nervös war, irgendetwas hat mit ihm nicht gestimmt" diktiert Illgner hinterher den Journalisten in die Blöcke. Er wehrt den Schuss von Pearce mit dem Knie ab. Danach trifft Olaf Thon für die Deutschen und Chris Waddle setzt den letzten Elfmeter der Engländer über das Tor. Während Deutschland noch den Final-Einzug bejubelt, stellt Englands Trainer Bobby Robson nach dem Spiel klare Forderungen: "Wir sollten das Elfmeterschießen abschaffen."

David Seaman im Rate-Glück

Soweit kommt es nicht. Aber sechs Jahre später kommt der Fußball nach Hause. "Football comes home" lautet das viel sagende Motto bei der EURO 1996 in England. Erstmals seit 30 Jahren richtet man auf der Insel wieder ein großes Turnier aus. Die Politik hofft wieder auf einen Doppelpass mit dem "Drei Löwen"-Team. Diesmal ist es Premierminister John Major, der am Scheideweg steht. Sein Versuch, die Macht durch einen Rücktritt als Parteichef der Konservativen mit einer erneuten Wiederwahl zurück zu gewinnen, ist schief gegangen. Bis zum Ende seiner Regierungszeit am 2. Mai 1997 ist Major im Parlament auf die Stimmen der nordirischen Unionisten angewiesen. Dazu kommen die sich überschlagenden Meldungen vom grassierenden Rinderwahnsinn, man hat es eben nicht leicht als britischer Premier. Die Europameisterschaft soll dem Königreich aus dem Stimmungstief verhelfen. Die Vorzeichen scheinen günstig zu stehen. An ein neuerliches Scheitern der Engländer in einem Elfmeterschießen glauben zu diesem Zeitpunkt höchstens Berufspessimisten und hauptamtliche Miesmacher. Denn schließlich hat England mit dem neuen Nationaltorhüter David "Pony" Seaman vom FC Arsenal endlich auch einen echten Elfmetertöter. Kostprobe gefällig? Im Halbfinale des Europacups der Pokalsieger 1995 hat Seaman bei Sampdoria Genua drei Elfmeter pariert. Und das trotz zweier gebrochener Rippen, aus diesem Stoff müssen Helden sein. Seinen Ruf als Elfmeter-Killer unterstreicht Seaman bei der EURO `96 schon im zweiten Vorrundenspiel gegen Schottland (2:0), als er in der 75. Minute beim Stand von 1:0 gegen Gary McAllister pariert. In London lassen ausgelassene Fans nach dem 4:1 im letzten Vorrundenspiel gegen die hoch eingeschätzten Niederländer die U-Bahnen wackeln, der Brunnen am Trafalgar Square wird trotz einer Wassertemperatur von nur sieben Grad zum beliebtesten Badeort im Land. "England 4ever", titeln die Boulevardblätter. Nun geht es im Viertelfinale gegen Spanien.

Pearce und sein "Psycho-Drama"

Auch Stuart Pearce darf wieder mitspielen. Die Punkmusik von den Sex Pistols, die ihm seine mittlerweile wesentlich jüngeren Teamkameraden vor den Länderspielen in der Kabine um die Ohren donnern, hasst er immer noch und auch an seinen verschossenen Elfmeter von 1990 denkt er immer noch. Zuviel hat er danach einstecken müssen. Inbrünstig und mit hochrotem Kopf singt er die Nationalhymne derart laut mit, dass sich sogar sein Mitspieler Darren Anderton ein Lächeln nicht verkneifen kann.

Als Pearce nach 120 torlosen Minuten in Wembley als dritter englischer Schütze nach Alan Shearer und David Platt zum Elfmeterpunkt läuft, hört er plötzlich die Stimme seiner Frau. "Oh nein, nicht schon wieder Du", sagt sie. Stuart Pearce entschließt sich, in diesem Augenblick nicht auf seine Frau zu hören und trifft für England. Als David Seaman in seinem durchaus modischen, blaugelb gemusterten Torwartsweater gegen den Spanier Miguel Nadal pariert, ist England im Halbfinale. Seaman scheint zu wissen, wie es geht: "Beim Elfmeterschießen geht es nur darum, zu raten", erklärt er grinsend, "und ich habe ein Mal richtig geraten." Am Trafalgar Square wird wieder gefeiert. Und jetzt sollen ausgerechnet die Deutschen den Engländern diese Mega-Party verderben? Die Boulevardblätter wollen rechtzeitig gegensteuern und erklären den teutonischen Spaßbremsen den Krieg. "For you Fritz, the Party is over", titelt der Daily Mirror - Für Euch ist die Party aus. Stuart Pearce liefert ihnen noch mehr Munition und ledert los: "Meinen Fehlschuss von Turin will ich auch im Halbfinale wieder gut machen. In Wembley sind wir unschlagbar."

Ausgang: "South-Gate"

Das Halbfinale in Wembley am 26. Juni 1996 ist kein Spiel für Herzpatienten. Der deutsche Mittelfeldspieler Steffen Freund verdreht sich das Knie und muss mit einem Kreuzbandriss raus. Nach 120 Minuten steht es 1:1 durch Tore von Alan Shearer und Stefan Kuntz, in der dritten Minute der Verlängerung hat Darren Anderton den Pfosten getroffen und damit das erste "Golden Goal" der Fußballgeschichte verpasst, in der 99. Minute ist Paul Gascoigne um eine Zehenlänge an einer scharfen Rechtsflanke von Steve McManaman und am Geschichtsbuch vorbeigerutscht. Als Schiedsrichter Sandor Puhl aus Ungarn zum Elfmeterschießen bittet, fassen sich viele Zuschauer entsetzt an die schmalen Krempen der rot-weißen Plastikhüte, die die Sun zur EURO herstellen ließ. Nicht schon wieder Elfmeterschießen gegen die Deutschen! Nach zehn verwandelten Elfmetern verliert Gareth Southgate die Nerven. Der deutsche Torhüter Andreas Köpke kann parieren, Andreas Möller schießt die Deutschen mit dem nächsten Ball ins Finale. Während die mitgereisten deutschen Fans auf der Tribüne das unvermeidliche Plakat "England go home" entrollen und der verletzte Jürgen Klinsmann den Pechvogel Gareth Southgate tröstet, schlägt die Stunde des Kabaretts. "Wie komme ich am Besten aus dem Wembleystadion?", lautet in diesen Tagen ein gängiger Witz auf der Insel, "benutzen Sie am Besten das South-Gate", ist die Antwort.

Akademie für Elfmeterschützen?

Vor der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich verzeichnet das Königreich eine politische Sensation. Der neue Premier Tony Blair hat mit der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens am 10. April 1998 die seit Jahrhunderten verfeindeten Konfliktparteien in Nordirland einander näher gebracht und mit dieser historischen Waffenstillstandsvereinbarung den Weg für einen langfristigen Frieden frei gemacht. Am 26. November 1998 wird er als erster britischer Premierminister im irischen Parlament sprechen. Blairs "New Labour" fehlt jetzt eigentlich nur noch ein Erfolg auf dem grünen Rasen. Eine neue Generation junger Fußballer soll es richten: die "Spice Boys" um David Beckham, Paul Scholes und Michael Owen.

Doch David Beckham und Co. können nicht viel für Tony Blair tun. Nach den üblichen Startschwierigkeiten mit einem unansehnlichen 2:0 über Tunesien, einer 1:2-Pleite gegen Rumänien und einem 2:0-Erfolg über Kolumbien wartet im Achtelfinale in St. Etienne mit Argentinien ein weiterer Gegner aus der Kategorie "liebster Feind". Es wird die nächste schwarze Nacht für England. Nach einem 2:2 nach Verlängerung geht es wieder ins Elfmeterschießen. Trainer Glenn Hoddle tut sich zunächst schwer bei der Suche nach Freiwilligen für den "Shootout", ehe sich mit David Batty von Newcastle United Einer meldet, der noch nie zuvor in seiner Karriere einen Elfer geschossen hat. Das rächt sich prompt: nachdem bereits Paul Ince an Argentiniens glänzend aufgelegtem Torhüter Carlos Roa von Real Mallorca gescheitert ist, vergibt auch Batty und England ist wieder draußen. "Ich habe positiv gedacht und mich sicher gefühlt", meint Batty hinterher achselzuckend. Nach dem dritten K. o. im Elfmeterschießen will Sportminister Tony Banks endlich handeln. Er schlägt die Gründung einer "National Penalty Academy" vor, einer Eliteschule für Elfmeterschützen.

Ähnliche Gedanken hat zu diesem Zeitpunkt auch der Liverpooler Mathematiker Dr. David Lewis. Er erklärt inmitten des englischen Elfmeter-Desasters Alan Shearers Schuss gegen Argentinien zum "perfekten Elfmeter" und widmet sich weiteren, intensiven Studien.

Provokation auf Portugiesisch

Auch bei der EURO 2004 in Portugal kann Dr. Lewis Fakten sammeln. Schon David Beckhams Ausrutscher bei einem Elfmeter im letzten Qualifikationsspiel gegen die Türkei in Istanbul (0:0) lässt nichts Gutes erahnen. Dann verschießt Beckham im ersten Vorrundenspiele gegen Frankreich (1:2) in Lissabon erneut. Die Wolken werden dunkler. Erst recht am Abend des 24. Juni 2004, an dem England im Viertelfinale in Lissabon auf Gastgeber Portugal trifft. Wayne Rooney bricht sich den Mittelfuß, Sol Campbell erzielt in der Nachspielzeit ein Tor, das nicht anerkannt wird. Und am Ende gibt's Elfmeterschießen. David Beckham rutscht aus und verzieht - sein zweiter verschossener Elfmeter im Turnier. Zweiter Unglücksrabe bei den Engländern ist Darius Vassell, der an Portugals Torhüter Ricardo scheitert. Der Portugiese treibt die Provokation auf die Spitze. Er trägt keine Handschuhe, verwandelt den letzten Elfmeter zum 8:7 höchstpersönlich und schickt England - sehr zur Freude von 10,5 Millionen Portugiesen - nach Hause. Auf der Suche nach Gründen für das Desaster wird Englands schwedischer Trainer Sven-Göran Eriksson schnell fündig: "Ich habe mich bei der Uefa mehrfach über den schlechten Zustand der Elfmeterpunkte beschwert", wettert er nach dem Spiel. DIE ZEIT wandelt angesichts der neuerlichen englischen Elfmeterpanne sogar den legendären Spruch von Gary Lineker ab: "Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Leute dem Ball hinterher laufen und wenn es ans Elfmeterschießen geht, fliegt England raus."

Elfmeterschießen doch keine Glückssache?

Wer kann jetzt noch helfen? Doch wohl nur Mark Williams vom Research Institute for Sport and Exercise Sciences an der John Moores University Liverpool. Der Wissenschaftler präsentiert im Juni 2006 überraschende Ergebnisse. Williams hat herausgefunden, dass erfahrene Torhüter signifikant besser als Anfänger einschätzen können, in welcher Ecke ihres Tores der Ball landet. Den Grund dafür hat Williams ebenfalls ermittelt: "Sie können die versteckten Signale des Torschützen beim Torschuss besser lesen und somit seine Absichten und die richtige Ecke erraten." Williams bilanziert weiter: "Gute Torhüter erkennt man an ihren Augenbewegungen. Elfmeter sind kein Glücksspiel, sondern eine Frage des Trainings. Die Forschungsergebnisse könnten dazu führen, dass Elferschützen ihren Torschuss mit noch mehr Täuschung durchführen - oder den Torhütern, sie noch besser abzuwehren." Ah, ja.

"Die Wissenschaft rät sowohl Elferschützen als auch Torhütern zum Training, um den Einfluss des Glücks zu minimieren", so Williams in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature.

Die Zauberformel aus Liverpool

Dr. David Lewis, der nette Mathematiker von der John Moores University in Liverpool, errechnet den Engländern im Auftrag des Wettbüros Ladbrokes die perfekte Formel für das Elfmeterschießen. Dr. Lewis hat alle englischen Elfmeter bei großen Turnieren seit 1962 unter die Lupe genommen. Mit der Formel (((X+Y+S)/2)x((T+I+2B)/4))+(V/2)-1 will Dr. Lewis den Elfmeter-Fluch für alle Zeiten bannen. Lediglich sieben Variablen müssen dafür stimmen: die Fluggeschwindigkeit des Balles (Velocity/V), die Zeit (Time/T) zwischen dem Aufsetzen des Balles auf dem ominösen Punkt und dem Schuss, die Zahl der Schritte (Steps/S) beim Anlauf des Schützen, die Fallzeit des Torhüters (Initiatives Dive/I) und natürlich müssen die vertikale (Y) und die horizontale (X) Platzierung des Balles vom Boden und von der Tormitte aus ebenso stimmen wie die Haltung des Schussfußes (B). Absolut wahrscheinlich. Dr. Lewis hat sogar noch mehr Erfolgsfaktoren errechnet: "Die ideale Zeit, um einen Elfmeter erfolgreich zu verwandeln, liegt bei unter drei Sekunden", erklärt Lewis, "und es ist dabei umso hilfreicher, abzuwarten, bis der Torwart sich bewegt hat." Alles andere ist kalter Kaffee. "Wartet ein Spieler länger als 0,41 Millisekunden, so halbiert sich damit die Wahrscheinlichkeit, zu treffen", so Dr. Lewis.

Auf der Suche nach dem "Big Point"

Mathematisch gesehen kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Doch was sagt das Stimmungsbarometer im Juni 2006? Tony Blairs Labour-Party steht nach einer Umfrage der Times bei den Wählern so niedrig im Kurs wie zuletzt 1992, nach zehn Jahren Wirtschaftsboom sind in Großbritannien die Wachstumsraten auf europäischen Durchschnitt gesunken und die Verschuldung der Privathaushalte ist so hoch wie nie zuvor. Die Politik braucht in diesen Tagen - ähnlich wie die große Koalition in Deutschland - einen "Big Point." Blair, den laut Ansicht des Politologen Fenton vor Turnierbeginn "nur noch der Fußball retten kann", sieht seine Chance in der WM. "Viele meiner Landsleute", mutmaßt Blair in einem Interview, "werden sich wahrscheinlich die teuren Endspieltickets nicht leisten können."

Dennoch finden mehr als 100.000 englische Fans den Weg nach Deutschland. Wer keine Karten für die Spiele der "Drei Löwen" bekommt, macht es sich auf den Fanfesten in den Spielorten der Engländer in Frankfurt, Nürnberg, Köln, Stuttgart und Gelsenkirchen bequem. Für Bier und Frikadellen ist bestens gesorgt. Vor dem letzten Gruppenmatch gegen Schweden (2:2) am 20. Juni 2006 sind es am Deutzer Ufer in Köln allein 40.000 Engländer, die das entscheidende Spiel um den Gruppensieg auf zwei riesigen Videoleinwänden verfolgen.

Scolari und die "neuen Deutschen"

Im Viertelfinale in Gelsenkirchen warten am 1. Juli 2006 die "neuen Deutschen" auf die Engländer: Portugal. Das letzte Duell mit den Portugiesen und ihrem bärbeißigen brasilianischen Trainer Luiz Felipe Scolari ist fast auf den Tag genau zwei Jahre her. David Beckhams Busenfreund Gary Neville will davon nichts mehr wissen: "Ich bin sicher, dass dies unser großer Moment wird", sagt der Verteidiger von Manchester United, als er die letzte Pressekonferenz des englischen Teams vor dem Spiel beendet.

England: Weltmeister 2086?

Nach 120 relativ unspektakulären Minuten steht es auf Schalke 0:0. Beim Elfmeterschießen ist David Beckham ist diesmal nicht dabei. "Captain Fantastic" muss, da bereits ausgewechselt, von der Bank aus miterleben, wie seine Kollegen auch diesmal ihre Angst auf den Punkt bringen. Auch Wayne Rooney hat sich schon verabschiedet - Platzverweis. Steven Gerrard und Frank Lampard scheinen die Studie des Mister Williams aus Liverpool unaufmerksam oder überhaupt nicht gelesen zu haben und einen Spickzettel mit der magischen Formel des Dr. Lewis haben sie auch nicht im Stutzen stecken. Die Scharfschützen aus der Premier League verballern ebenso wie Liverpools Jamie Carragher. Lediglich Owen Hargreaves schafft es, wenigstens einen von vier englischen Elfmetern im Tor unter zu bringen. Portugal gewinnt trotz zweier verschossener Elfmeter von Viana und Petit mit 3:1 und jubelt erneut. Bei so viel Pech bleibt Gary Neville nur noch die Flucht in die Ironie: "Irgendwann werden wir Engländer wieder einen großen Titel feiern. Und wenn es erst 2086 ist." Die Zeitung The Guardian zieht radebrechend Bilanz: "Eriksson und seine verwöhnten Spieler bekamen, was sie verdient hatten: absolutely nichts." Der Berliner Tagesspiegel sieht Portugals Torwart Ricardo "spektakulär drei gar nicht mal schlecht geschossene Elfmeter" abwehren. Stimmt. Nur drin waren sie eben nicht.

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